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Anna Slobodnik -  Ornament und Muster
Kodierung vs (Nicht-) Kodierung

In den Bildwerken von Anna Slobodnik bilden Muster, Rapporte und Abfolgen im Zusammenspiel mit Farben und Flächen, die in unterschiedlicher Dichte und Kontur darstellt sind, die strukturelle Basis. Die Künstlerin interessiert daran, dass in diesen Symmetrien und Asymmetrien der Muster und Ornamente, „einerseits immer die Bildfläche als Fläche mit abgebildet (ist), gleichzeitig aber selbst eine Motivik entwickeln kann, die über diese Bildfläche hinausgeht“ (Artist Statement 2018).
Die Titel ihrer Bild-Zyklen wie Teppich und Tapete, sind das Gerüst ihrer künstlerischen Fragestellung, Muster und Ornamente wiederum ihre bildgebenden Elemente. Aber warum Muster und Ornamente? Steinzeitliche Ton-Krüge sind bereits mit Ornamenten verziert. Ornament  und Muster gehören ebenso zur Architektur, sind in Kirchen, Kathedralen und Kreuzgängen sowie anderen Bauelementen wie Säulen, Erkern und als Stuck an Decken oder Hauseingängen zu finden. Abstrakt können sie ebenso als Stammeszeichen, bzw. Clanmuster, wie als Arabeske in der islamischen Kunst fungieren. Bildmächtig stehen Ornamente und Muster zwischen angewandter und bildender Kunst, sind nicht nur Beiwerk: Denn Muster und Ornament sind seit je her kulturell kodiert, bilden eine Bildmatrix mit eigenen Gesetzen, die grundlegend für eine Vielfalt anderer Darstellungsmöglichkeiten sein kann. Sie sind Schwergewichte, da ihre Funktionen Tiefgang haben. Stets sind sie auch Ausdruck transkultureller Vorgänge, können ebenso als politische Camouflage wirksam sein, da sie soziale Dimensionen als visuelle und stilistische Dispositive beinhalten.
Anna Slobdnik greift sie in ihren Arbeiten nunmehr konzeptionell als Ordnungsstrukturen des Sichtbaren auf.
Der kulturelle Transport läuft im Bildverständnis der Künstlerin im Hintergrund mit. Doch geht es ihr nicht darum historische Muster von Teppichen, Kacheln, Stoffen, Bauelementen & co. zu zitieren, sondern lehnt sich nur formal daran an, entwickelt ihre eigene Formensprache.
Auch in ihren sogenannten Legearbeiten greift die Künstlerin diese äußeren Merkmale auf. In  dieser Serie, fügt Slobodnik stets gleich große, bemalte Papier- oder Leinwand-Teile zu einem größeren Bild, zusammen. Innerhalb eines einzelnen kleinen Segments haben die darauf gezeichneten Muster ihre eigene Ordnung, die wiederum im Zusammenspiel des zusammengesetzten ganzen Bildes eine übergeordnete Formensprache entwickeln und im Verbund mit der Architektur, den Fenstern, Türen und Möbeln wiederum sich anders im größeren Rahmen zueinander verorten.  Mit diesem Shift von Bild und Objekt, Fläche und Inhalt befragt Anna Slobodnik die Systeme nach ihrer Haltbarkeit, Zusammensetzung oder allgegenwärtigen Herrschaft?


Dr. Heike Fuhlbrügge, Kuratorin und Kunsthistorikerin


Geometrie

Die Lithographien der jungen Berliner Künstlerin Anna Slobodnik setzen sich mit der Funktion von geometrischen Formen und Mustern auseinander – wie diese im politischen Kontext, in der Religion und auch in einer Alltagskultur verwendet werden, zu der unter anderem Teppiche, Stoffe und Tapeten gehören (bis zum 18. Januar in der Rathaus-Galerie Berlin-Reinickendorf). Auf den ersten Blick scheinen ihre Arbeiten klar geordnet. Berechnbar aber ist diese Ordnung nicht. Genau genommen ist kein Viereck wie das andere, kein Kreis entspricht dem nebendran – so wie jeder Mensch zu einem Ornament eine eigene Beziehung hat, die Teil seiner Wahrnehmung ist – uns so wirft Slobodnik die Frage auf: Was ist echt und was von Menschen als Wirklichkeit konstruiert? Man denkt, wenn man die Lithographien der 28-Jährigen sieht, die an der UdK Berlin studiert hat, an Sonia Delaunay. Slobodnik sagt, ihr Interesse sei auf die Zeit zurückzuführen, als ihre Eltern mit ihr als Kind aus russland nach Deutschland kamen. „In der russischen Kultur, ebenso wie in der arabischen, ist das Muster ein sehr präsentes Element.“ Sie sei an den möglichen Zusammenhängen zwischen Muster und persönlicher kultureller Identität interessiert: ihrer eigenen ebenso wie der anderer Menschen, auch an der Frage, welche Bedeutung Muster als (Wieder-)Erkennungszeichen und identitätsstiftendes Moment haben.


Anne Ameri-Siemens, Autorin
veröffentlicht in: FAZ Nr. 47, 25.11.2018 S.46